Wer sind die Gewinner und Verlierer der Chemnitzer Oberbürgermeisterwahl? Die große Analyse nach Runde 1!

97.000 der insgesamt 194.952 wahlberechtigten Chemnitzer (und damit weniger als jeder Zweite) haben gewählt – am Sonntag (20. September) fand nach mehrmonatigem Wahlkampf die erste Runde der Oberbürgermeisterwahl statt. Erwartungsgemäß erreichte kein Bewerber die für einen Sieg mit absoluter Mehrheit notwendigen 50 Prozent, so dass am 11. Oktober die zweite Runde ansteht, bei der dann die relative Mehrheit reicht. Ebenfalls erwartungsgemäß, gab es ein knappes Kopf-an-Kopf-Rennen. Gut möglich, dass der neue Chemnitzer Oberbürgermeister mit gerade einmal 25 Prozent der Stimmen in der nächsten Runde gewählt wird. Doch wie haben die Bewerber abgeschnitten, wer kann zufrieden sein und für wen lief es alles andere als rund? Das Chemnitzer Tageblatt mit einer ersten Analyse.

Sven Schulze (SPD): Erwartungsgemäß vorne, doch ohne Linke und Grüne in Runde 2 aufgeschmissen

Mit 23,06 Prozent liegt Sven Schulze in Runde 1 knappt vor der CDU-Bewerberin Almut Patt. Dieser Zweikampf war in Prognosen vorausgesagt worden und lässt sich auch durch die vergangenen Wahlergebnisse stützen. Von Werten, die die SPD bei vergangenen Oberbürgermeisterwahlen erreicht hat, ist Schulze zwar weit entfernt, aber insbesondere die Mobilisierung unter älteren Wählern dürfte ihm den Vorsprung gesichert haben – nicht ohne Grund ist das Briefwahlergebnis der SPD mit etwa 27 Prozent das Höchste aller Bewerber. Schulze hat im Wahlkampf auf den meisten Werbematerialien auf seine Parteizugehörigkeit verzichtet und versucht, sich als parteiübergreifenden Bewerber zu verkaufen. Wenn er in Runde 2 ebenfalls vorne liegen möchte, braucht er jedoch die Hilfe der Kandidaten von Linkspartei und Grünen. Während es als sicher erscheint, dass Volkmar Zschocke, der nur auf magere 7,06 Prozent gekommen ist und damit nicht vom bundesweiten Hype der Grünen profitieren konnte (auch, weil der parteiunabhängige Bewerber Lars Faßmann in Teilen ein ähnliches Wählerklientel anspricht), in der nächsten Runde nicht mehr antritt, hat Susanne Schaper (Linke) mit 15,12 Prozent ein starkes Ergebnis erzielt und wird möglicherweise selbst weiterhin Ambitionen haben, Oberbürgermeisterin zu werden. Ganz unabhängig davon, welche Absprachen in Hinterzimmern getroffen werden, ist längst nicht gesagt, dass beide Wählerspektren automatisch zur SPD wechseln: Insbesondere die Grünen lockt auch Lars Faßmann und zumindest der Protestwähleranteil unter den Linken sympathisiert auch mit der AfD, möglicherweise sogar ebenfalls mit Faßmann, der sich als Protestkandidat gegen die „großen Parteien“ verkauft. Dennoch dürfte Schulze, nach derzeitiger Prognose, relativ gute Chancen haben, Oberbürgermeister zu werden.

Almut Patt (CDU): Knapp dahinter ist auch vorbei?!

21,39 Prozent erreichte CDU-Bewerberin Almut Patt und ist damit dicht auf den Fersen von Sven Schulze. Das CDU-Wahlergebnis blieb ungefähr konstant mit dem Ergebnis bei der Ratswahl 2019 und dürfte überwiegend von CDU-Stammwählern geprägt sein. Eigentlich gute Voraussetzungen, um in Runde 2 richtig durchzustarten. Das Problem von Almut Patt: Egal, welcher Bewerber seine Kandidatur zurückzieht, sie wir höchstwahrscheinlich nicht davon profitieren. Abgesehen davon, dass mehrere Bewerber bereits einen Verzicht ausgeschlossen haben, wären allenfalls unter den Unterstützern des AfD-Kandidaten Ulrich Oehme und denen der Freien Wähler noch Wähler zu gewinnen. Oehme hat allerdings bereits angekündigt, in einer zweiten Runde erneut kandidieren zu wollen und auch der aufwändige Wahlkampf von Matthias Eberlein erweckt nicht den Anschein, nur auf Runde 1 ausgerichtet zu sein. Die Zweitplatzierte der ersten Runde könnte deshalb die große Verliererin in Runde 2 werden.

Susanne Schaper (Linke): Kandidatur oder Verhandlungsmasse?

Für Susanne Schaper sind die 15,12 Prozent der ersten Runde ein starkes Ergebnis, sie kommt damit auf den dritten Platz, noch vor AfD-Bewerber Oehme (im Vorfeld lagen beide Kandidaten in Umfragen dicht beieinander). Sehr zeitnah wird sich Schaper die Frage stellen müssen, ob sie auf Risiko in einer zweiten Runde versucht, Oberbürgermeisterin zu werden oder sich einem der anderen Bewerber annähert. Der „natürliche Verbündete“, mit dessen Partei im Chemnitzer Stadtrat bereits regelmäßig zusammengearbeitet wird, wäre natürlich SPD-Kanidat Sven Schulze. Fraglich ist aber, ob sich das Wählerspektrum der Linkspartei auf diesen Schwenk einlässt: Neben den älteren Semestern, die noch aus DDR-Zeiten der Partei die Treue halten, setzt die Linke maßgeblich auf Protestwähler, bei denen aber gänzlich unklar ist, ob sich diese zu einer zweiten Wahlrunde mobilisieren lassen und vor allem, wem sie dann ihre Stimme geben. Abwanderungstendenzen ins Lager von Ulrich Oehme sind ebenso realistisch, wie zum Protestkandidaten Lars Faßmann.

Ulrich Oehme (AfD): Die Schlacht verloren, den Krieg noch nicht

12,17 Prozent sind ein Dämpfer für die AfD, die bei der Landtagswahl im August 2019 noch das Doppelte erzielte und auch bei der vergleichbaren Ratswahl 2019 auf immerhin rund 18 Prozent gekommen ist (seinerzeit erreichte Pro Chemnitz zudem 8 Prozent, beide Parteien haben ein in Teilen identisches Wählerspektrum). Unter Berücksichtigung des Umstandes, dass auch aus dem Pro Chemnitz – Lager Stimmen zum erfolgsversprechenderen Kandidaten Oehme gewandert sein dürften, insbesondere, nachdem die Freie Presse den Pro – Kandidaten Martin Kohlmann in einer fragwürdigen Umfrage quasi für abgeschrieben erklärte, ist das Ergebnis mager. Es ist offensichtlich nicht gelungen, an das Erfolgsrezept vergangener Wahlen, der Mobilisierung von Nichtwählern, anzuknüpfen. Insgesamt wirkte der Wahlkampf eher träge, langweilig und war über die gesamte Stadt unterrepräsentiert, der Verzicht auf klassische AfD-Farben und das Parteilogo dürften ihr Übriges getan haben, das eigene Wählerklientel nicht zu erreichen. Ulrich Oehme hat dennoch angekündigt, in Runde 2 an den Start zu gehen. Mit seinem Ergebnis ist er noch nicht völlig abgeschrieben und behält eine Außenseiterchance. Um die zu nutzen, muss aber wesentlich mehr erfolgen: Großflächige Plakatierungen, Flugblattverteilungen an alle Haushalte, intensive Werbung in sozialen Netzwerken (auch über Seiten in sozialen Netzwerken, die zugriffsstärker sind, als die des Chemnitzer Verbandes, etwa des Landes- oder Bundesverbandes) und Präsenz in den einzelnen Stadtteilen wären notwendig, um Nichtwähler zu mobilisieren und das eigene Klientel, das zweifelsfrei in Chemnitz in großer Zahl wohnhaft ist, an die Urnen zu bringen.

Lars Faßmann (parteifrei): Ein Außenseiter wird zum Gewinner der ersten Runde

11,89 Prozent (und damit fast doppelt soviel, wie die Freie Presse in ihrer umstrittenen Umfrage prognostizierte) hat Lars Faßmann in Runde 1 erzielt. Es ist dem Unternehmer, der offensichtlich große Summen in den Oberbürgermeisterwahlkampf investiert hat und der seinen Werbeschwerpunkt neben Großflächenplakaten auf das Internet legte, gelungen, einerseits das alternative Klientel, zu dem ihm gute Kontakte nachgesagt werden, zu mobilisieren, andererseits für Protestwähler, die ihre Stimmen nicht an die herkömmlichen Parteien geben wollten, eine echte Option gewesen zu sein. Und: Faßmann ist selbstbewusst, in einem Interview mit der Freien Presse kündigte er bereits vor einigen Tagen an, definitiv in Runde 2 weitermachen zu wollen. Nachdem er nun gezeigt hat, dass er auf breite Unterstützung zählen kann, dürfte sich sein Ergebnis weiter verbessern. Wenn Volkmar Zschocke erwartungsgemäß auf Runde 2 verzichtet, dürften ihm aus dem Grünen-Spektrum weitere Wähler sicher sein. Auch ein Nichtantritt von Paul Vogel (Die Partei), die zwar nur wenige Stimmen erreichte, die aber allesamt aus einem ähnlichen Spektrum kommen, wie Faßmann seine alternativen Unterstützer, würde ihn stärken. Es ist zudem davon auszugehen, dass erneut kostenintensive Werbung folgen wird – an Geld scheint es in diesem Wahlkampf nicht zu scheitern. Faßmann könnte der Überraschungsgewinner werden. Sicherlich, immernoch mit Außenseiterchancen, aber die sind seit der ersten Runde ganz gewaltig gestiegen und ihn sollte man auf dem Schirm haben, vielleicht sogar noch eher, als eine Almut Patt.

Volkmar Zschocke: Vom Grünen-Hype nicht profitiert und zwischen der Konkurrenz aufgerieben

7,06 Prozent sind ein mageres Ergebnis für Volkmar Zschocke, dem in der Chemnitzer Lokalpolitik nachgesagt wird, erstmals für die Wahlplakate im Oberbürgermeisterwahlkampf ein Lächeln aufgesetzt zu haben. Viel zu lachen gab es im Anschluss dann aber auch nicht: Zwischen Schaper und Faßmann wurde das grüne Wählerspektrum zerrieben, insbesondere Faßmann dürfte verhindert haben, dass Zschocke zweistellig ist und deutlich unter dem Ergebnis liegt, das die Grünen noch bei der Kommunalwahl 2019, auf dem Höhepunkt der selbstgeschürten „Klima-Bewegung“ , erreichten. Auch, wenn sich Zschocke noch nicht explizit erklärt hat, sein Rückzug gilt als sicher. Die Frage wird sein, an wen die Stimmen wandern: Schulze oder Faßmann, möglicherweise noch Schaper, wenn die Linken-Politikerin tatsächlich antritt.

Martin Kohlmann: Nicht-überraschender Überraschungserfolg gegen die Meinungsmache der Freien Presse

4,19 Prozent der Stimmen erzielte Martin Kohlmann von der Bürgerbewegung Pro Chemnitz – die Freie Presse hatte ihn in einer Umfrage bei gerade einmal einem Prozent gesehen, obwohl Pro Chemnitz bei der letzten Ratswahl auf rund 8 Prozent der Stimmen kam und Kohlmann, der seit 1999 im Rat vertreten ist, in der Chemnitzer Lokalpolitik über ein hohes Unterstützerumfeld verfügt. Es ist anzunehmen, dass die meinungsschürende Umfrage Kohlmann einige Wähler gekostet haben wird, die stattdessen den aussichtsreicheren Kandidaten der AfD, Ulrich Oehme, gewählt haben oder gleich ganz zuhause geblieben sind. In wessen Auftrag die Freie Presse eine solche Umfrage veröffentlicht, die bereits bei einem Blick auf die Chemnitzer Wahlergebnisse der letzten Jahrzehnte als lebensfremd eingestuft hätte werden müssen, ist fraglich. Es ist jedoch ein schwerwiegender Eingriff in den Oberbürgermeisterwahlkampf gewesen und für Kohlmann dürfte sein Ergebnis, auch an der Ausgrenzung durch andere Medien, ein Achtungserfolg sein, der zwar nicht zu Jubelsprüngen führen dürfte, aber unterstreicht, dass Kohlmann ein Konstante in der Chemnitzer Politik ist. Wenn Kohlmann in Runde 2 kandidiert, könnte möglicherweise durch das unfaire Verhalten der Medien eine Trotz-Reaktion ausgelöst werden, Pro Chemnitz verfügt über eine hohe Reichweite in sozialen Medien. Realistische Chancen auf den Oberbürgermeisterposten hat Kohlmann auch in Runde 2 nicht, allerdings ist bei entsprechender Wählermobilisierung und möglicherweise der Rückkehr einiger „Verführter“, die sich nach der FP-Umfrage nach einem erfolgreicheren Kandidaten umgesehen haben, mit einer deutlichen Steigerung zu rechnen.

Matthias Eberlein (Freie Wähler): Achtungserfolg stärkt Freie Wähler in Chemnitz

Mit 3,52 Prozent wurde der aufwändige Wahlkampf, den Matthias Eberlein insbesondere mit Plakaten im gesamten Stadtgebiet geführt hat, zumindest etwas belohnt. Natürlich wird Eberlein nicht der nächste Chemnitzer Oberbürgermeister sein, aber darum dürfte es dem Politiker der Freien Wähler auch nicht primär gegangen sein. Das Ziel, die Freien Wähler in Chemnitz bekannter zu machen, sowohl im Hinblick auf die Kommunalwahl 2024, als auch auf die im gleichen Jahr stattfindende Landtagswahl, bei der die Freien Wähler auf passable Ergebnisse in den Großstädten angewiesen sein werden, wenn sie auf Landesebene eine Rolle spielen möchten, hat Eberlein wohl erreicht. Er schnitt stärker ab, als im Vorfeld prognostiziert und es ist gut möglich, dass dieser Weg auch in Runde 2 weitergehen könnte. Sollte Eberlein verzichten, wird sich sein Wählerklientel wohl am ehesten zwischen Almut Patt und Ulrich Oehme aufteilen, möglicherweise kann Lars Faßmann den parteikritischen Teil des Freien Wähler – Unterstützerklientels ebenfalls auffangen.

Paul Vogel (Die PARTEI): Überraschungen bleiben bei der Satirepartei aus

Magere 1,58 Prozent der Stimmen holte Paul Vogel für die Satirepartei Die PARTEI, damit belegt er den letzten Platz in Runde 1. Ob sich Die PARTEI in Runde 2 erneut dem Wählervotum stellt, kann nur spekuliert werden, verlässliche Angaben sind bei der Satire-Formation nicht möglich. Sollte Vogel verzichten, wird sich sein Klientel wohl fast ausnahmslos hinter Faßmann versammeln, bei einer Kandidatur von Susanne Schaper in Runde 2 möglicherweise in geringem Umfang auch hinter der Linkspartei.

Letztendlich bleibt bei der Analyse der ersten Wahlrunde ein Faktor zu berücksichtigen, der nicht prognostiziert werden kann: Die Wahlbeteiligung. Als sicher gilt, dass die christdemokratischen und sozialdemokratischen Wähler wieder mobilisiert werden, auch das grüne Klientel wird zur Wahlurne gehen, dann möglicherweise für eine andere Partei stimmen. Große Schwankungen sind bei der Linken, Lars Faßmann und der AfD möglich, auch die Wahlbeteiligung bei den Wählern von Pro Chemnitz und den Freien Wählern lässt sich schwer voraussagen. Wenn es einem Lager gelingt, Nichtwähler in größerer Zahl zu mobilisieren, könnte dies die gesamten Ergebnisse von Runde 1 über den Haufen werfen. Wie hoch (oder tief) die Wahlbeteiligung ausfällt, hängt auch davon ab, wie präsent die Bewerber in den nächsten drei Wochen sein werden. Sie haben es in der Hand und müssen allesamt liefern, wenn sie am 11. Oktober ins Oberbürgermeisterbüro einziehen wollen, das die scheidende SPD-Politikerin Barbara Ludwig gerade freiräumt.

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